Wissenslogistik – Schlagwort oder Notwendigkeit?

Der 3. Wissensmanagement Kongress zum Thema ‚Wissenslogistik‘ fand am 21. und 22. September im Hotel Panhans am Semmering statt. Die Veranstaltung verschrieb sich inhaltlich dem wechselseitigen Lernen von Konzepten aus den Bereichen Logistik, Wissensmanagement und Prozessmanagement. Zu welchem Ausmass dieses Ziel erreicht werden konnte und was es im prozess-orientiertem Wissensmanagement Neues gibt – das fasst dieser Beitrag zusammen.

Aus meiner Perspektive eines anwendungsnahen Forschers kristallisierten sich die folgenden Themen des Wissenslogistik Outlook 2004 Kongresses als bemerkenswert heraus:
Kybernetik und damit die Themen der Zirkularität und Selbstorganisation stellten sich als gerne erwähnte, und vielfach zitierte Erklärungsprinzipien in den Präsentationen dar. Während in einigen Vorträgen herzhaft die n-te Definition des Begriffs Wissen eingeführt (und verteidigt) wurde, fanden sich kaum erklärende Worte zum Begriff der Kybernetik selbst. Kybernetik bzw. Konstruktivismus (mitbegründet von u.a. Heinz von Förster, Glasersfeld, Maturana) haben sich ihren Weg in das Wissensmanagement natürlich über Philosophie, aber auch über die Disziplinen Künstliche Intelligenz, Biologie, Psychologie und Soziologie geschaffen. Das nun auf einem praxis-orientiertem Kongress über Geschäftsprozesse kybernetische Prinzipien Erwähnung fanden, hat mich zumindest verwundert. Vor allem die Öffnung von prozessorientierten Management-Ansätzen (die eher dem Taylorismus zugeordnet werden können) hin zu Prinzipien der Selbstorganisation erfrischt. Ein Vortrag der diesen Zusammenhang besonders ans Tageslicht brachte (neben den Vorträgen von Hrn. StahlHrn. Hrastnik & Hrn. Binner) war Hrn. Ferger’s Referat zu Analogien zwischen dem Immunsystem und (im wesentlichen) Qualitätsmanagement. Die zentrale Frage „Was können Organisationen bei der Fehlervermeidung vom Immunsystem lernen?“ wurde in einem Kamingespräch durchleuchtet. Ziel dieser Übung war die Konzeptionalisierung eines selbstorganisierenden Unternehmens. Während die Schlüsse einer derartigen Analogie bei weitem nicht umfassend diskutiert werden konnten, so konnten von Hrn. Ferger doch zentrale Prinzipien aus der Biologie einleuchtend auf Unternehmen übersetzt werden (Stichworte: Schutzwälle – Fresszellen, Unspezifische Aggresssion – Scouts, adaptive Aggression – Veteranen, Lernen im Immunsystem – Antigene).

Neben diesem zentralen Thema wurden natürlich weitere Themen auf dem Kongress behandelt. Viele der Vorträge betrachteten Geschäftsprozesse als notwendige Basis für das Wissensmanagement (z.B. Hr. Rumpfhuber). Nachhaltigkeit wurde als wesentliches Ziel von Wissensmanagement betrachtet (Hr. Wöls) und existierende Standardisierungsvorhaben im Themenfeld Wissensmanagement fanden reges Interesse (wie z.B. der ‚Europäische Leitfaden zur erfolgreichen Praxis im Wissensmanagement‘ der EU). Einige wenige Präsentationen erweckten allerdings den Eindruck einer lieblosen Verknüpfung bzw. Aneinanderreihung existierender Konzepte. Der Grossteil der Vortragenden stärkte jedoch die Rolle des Faktors Mensch in Wissensmanagement-aktivitäten und reihte sich somit in den Grundtenor aktueller Forschungsaktivitäten im Themenfeld Wissensmanagement ein.

Der Publikums-Mix aus Praktikern und Wissenschaftern trug wesentlich zur angenehmen und stimulierenden Atmosphäre des Kongresses bei. Und obwohl Geschäftsprozesse zum Teil auch unreflektiert als das Allheilmittel für die wissensorientierte Organisationsentwicklung gepriesen wurden, so verstärkte sich mein Eindruck, dass die erfolgreiche Integration von Geschäftsprozess- und Wissensmanagement in den nächsten Jahren eine unausweichliche Herausforderung für jene Unternehmen darstellt, die Wissen als kritische Ressource erkennen.

1 thought on “Wissenslogistik – Schlagwort oder Notwendigkeit?

  1. Tobias Ley

    Hallo Markus,
    ich finde das doch einigermaßen bemerkenswert, dass nun die doch sehr mechanistisch geprägte Geschäftsprozess Community von Selbstorganisation anfängt. Aber ich find das ja gut.
    Zu diesem Thema: Ich befinde mich ja gerade auf der Konferenz Informatik 2004 [http://www.informatik2004.de/ ; einen Blog dazu auch unter http://informatik2004.konferenzblogger.de/ ], wo ich mich heute zum Abschluss mal in den Workshop „Organic Computing“ [http://www.informatik.uni-augsburg.de/lehrstuehle/info3/organic-computing/giocw04/index.html] begeben habe.
    Das Credo dort: Komplexe Systeme nicht top down modellieren, in dem man die Komplexität reduziert – sondern einfache Mechanismen von biologischen Systemen anwenden, die sich dann selbstorganisiert an immer neue begebenheiten anpassen.
    Also das sollte doch gerade für diejenigen, die eine immer mehr zunehmende Komplexität in Unternehmen predigen, gerade das richtige sein.
    Viele Grüße aus Ulm,
    tobias.

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